Inspirierendes Geschichtenbuch aus Mönchengladbach

Foto: Detlef Ilgner

Ich bin in Brüggen geboren und habe – abgesehen von meinem dritten Lebensjahrzehnt – immer in dieser Region gelebt. Ich kenne Mönchengladbach also vom Einkaufen, von Theater- und Kulturveranstaltungen, vom Fußball und ein paar Jahre habe ich sogar mal mein Büro in dieser Stadt gehabt. Eine Stadt, die ich ehrlich gesagt gar nicht so richtig als Stadt wahrgenommen habe. Nicht in dem Sinne, dass man sich mit ihr auseinandersetzt, dass man sie kennenlernen und erleben möchte. Für mich war Gladbach eben die nächstgrößere Ansiedlung zu meinem Wohnort Waldniel – der Ort, wo man erledigt und besorgt, was es auf dem Dorf nicht gibt, nicht besonders schön, eher im Gegenteil, ohne viele Highlights, keine Stadt, die ich meinem Besuch von außerhalb zeigen würde. (Ausnahme: Museum Abteiberg!)

Und dann erscheint da so ein Buch, auf dessen Klappentext steht:

„Entdecken Sie 111 Orte in Mönchengladbach, an denen die Stadt ihre Seele zeigt.“

111 Orte? 111? Wo sollen die denn sein?
Und Seele? Mönchengladbach hat eine Seele?
Pfff.

Aber Garnet Manecke und Vera Anders haben mich mit ihrem nun in der emons-Reihe erschienenen Buch „111 Orte in Mönchengladbach, die man gesehen haben muss“ (Keine Ahnung übrigens, warum der Verlag auf all seinen Covern aufs Komma verzichtet.) eines Besseren belehrt. Aber so was von. In ihrem Vorwort schreibt Garnet Manecke, dass ich mit meiner – um es mal drastisch auszudrücken – arroganten MG-Ignoranz gar nicht so allein dastehe. Offenbar wurde den Autorinnen im Vorfeld auch von anderen diese Skepsis entgegengebracht, dass es in Mönchengladbach unmöglich 111 Orte geben könne, mit denen man ein solches Buch füllen kann.

Tolle Orte, tolles Konzept

Aber man kann. Und zwar auf äußerst unterhaltsame Weise. Es liegt auch am Konzept dieser Buchreihe – und ich bin sicher, das ist eine Erklärung für ihren großen Erfolg – dass man sie gerne liest. Jede Geschichte besteht aus einer Doppelseite – eine Seite Text, eine Seite Bild mit den wichtigsten Daten und noch einem weiteren Tipp. So gesehen – hat das eigentlich jemals jemand gesagt? – es sind 222 Orte in MG, die dieses Buch vorschlägt.

Schon das Inhaltsverzeichnis macht Spaß zu lesen. Witzigerweise alphabetisch hüpft man da durch Mönchengladbachs Stadtteile hin und her. Wer jetzt denkt, dass man die doch besser nach Lage in Gruppen zusammengefasst hätte – nicht nötig. Denn für die Planung eines Ausflugstages gibt’s im Anhang des Buches äußerst praktische Stadtpläne, in denen die Orte – jeder hat eine eindeutige Nummer – eingezeichnet sind.

Manche Orte, wie zum Beispiel die Kaiser-Friedrich-Halle, die man vielleicht erwartet, findet man nicht in diesem Buch. Warum auch? Die ist sicher schon in diversen anderen Büchern vorhanden. Andere prominente Gebäude wie das Münster oder Schloss Wickrath haben Einzug gefunden, allerdings meist mit Details, die man sonst so nicht erwähnt findet oder die man auch als Mönchengladbacher vielleicht noch gar nicht wahrgenommen hat.

Meine Lieblingsorte

Mir persönlich haben die Orte am besten gefallen, die im Grunde gar keine sind. Gruby, der Papiercontainer, die Lichthof-Werbung, die alte Tanke, der kitschigste Blumenladen, den ich kenne oder – als Tipp am Rande – das Schlagloch.  Oder die, die davon erzählen, dass Pilates und auch die soziale Gesetzgebung in Mönchengladbach erfunden wurden. Und dass man über den „Mittelpunkt“ von Mönchengladbach, über „die wahre Stadtmitte“ irgendwo mitten auf einem Acker im Nirgendwo eine ganze Seite schreiben kann, die man vom ersten bis zum letzten Satz aufmerksam durchliest, zeigt vor allem eines: Garnet Manecke kann schreiben! Sie überzeugt mich hier als wunderbare Geschichtenerzählerin.

Überhaupt ist das der wahre Reiz dieses Buches – es sind gar nicht die Orte selbst, es sind die Geschichten, die die Autorinnen von diesen Orten erzählen. Die Geschichten, die diesen Orten und damit der Stadt Mönchengladbach die Seele einhauchen, die es verdient auf den Klappentext dieses Buches geschafft hat.

Reiseführer? Geschichtenbuch!

Vielleicht ist es der oder dem ein oder anderen aufgefallen, dass ich das Buch an keiner Stelle in meinem Beitrag „Reiseführer“ nenne. Das ist kein Zufall. Für mich ist es kein Reiseführer. Reiseführer liest, wer eine Stadt besucht, wer sich nicht auskennt, wer Orientierungshilfe auf fremdem Terrain braucht. Dieses Buch aber können alle lesen. Die, dich sich auskennen, werden garantiert (!) Dinge entdecken, die sie noch nicht kannten. Die, die sich nicht auskennen, werden Lust bekommen, Mönchengladbach zu besuchen und kennenzulernen. Und selbst die, die Mönchengladbach weder kennen, noch vorhaben, jemals hinzufahren, könnten dieses Buch mit Gewinn lesen. Denn in erster Linie lehrt es seine Leser*innen eines: Wo auch immer du lang gehst, welchen Ort, welche Stadt du auch besuchst, schau ganz genau hin. Überall gibt es Dinge zu entdecken, die ihre Geschichte erzählen wollen. Mich inspiriert dieses Buch total zu einem neuen Hobby: Geschichten suchen.

Garnet Manecke, Vera Anders
111 Orte, die man in Mönchengladbach gesehen haben muss
240 Seiten
Emons Verlag 2019
ISBN: 978-3740806064
€ 16,95

 

Dieser Beitrag ist keine bezahlte Rezension. Es gibt Bücher, die müssen einfach besprochen werden. Werbung aus Überzeugung eben.

 

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